Hintergrund

Wozu Bildung?

Bildung dient der Entwicklung von Fähigkeiten. In einer freiheitlichen Gesellschaft hat Bildung zwei fundamentale Zielsetzungen, nämlich diejenigen Fähigkeiten zu entwickeln, die

  1. dem einzelnen Menschen ermöglichen, ein für ihn selber zufriedenstellendes Leben zu führen und
  2. ein befriedigendes Zusammenleben der Menschen und damit das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft zu ermöglichen.

Beide Ziele sind wechselseitig voneinander abhängig, denn die Unzufriedenheit vieler Menschen mit ihrem Leben schädigt das menschliche Zusammenleben und damit die Gesellschaft als Ganzes, während eine gestörte Gesellschaftsordnung und ein unbefriedigendes Zusammenleben sich negativ auf die Befindlichkeit und die Lebensführung der einzelnen Menschen auswirken.

 

Gleiche Bildung für alle?

Die in unserer Gesellschaft übliche konventionelle Bildung wird hauptsächlich durch staatlich organisierte, kontrollierte oder sanktionierte Bildungsinstitutionen (allgemeinbildende Schulen, Hochschulen, Berufsschulen usw.) vermittelt. Diese Form der institutionellen Bildung gliedert ihre Lehrinhalte nach Schul- oder Studienfächern mit jeweils bestimmten Lehrplänen, Ausbildungs- und Studienverordnungen, Prüfungen und Abschlüssen, deren primäres Ziel es ist, die Menschen in das Arbeitsleben einzugliedern, d.h. ihnen eine Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Konventionelle Bildung hat demnach primär eine wirtschaftliche Zielsetzung.

Sowohl die Gestaltung schulischer Lehrpläne und Abschlüsse als auch die unterschiedlichen Studien- und Ausbildungsgänge richten sich dabei primär am Prinzip der Gleichheit aus: Konventionelle Bildung ist fortwährend bestrebt, gleiche Bedingungen, Anforderungen, zeitliche und inhaltliche Abläufe, Prüfungen, Abschlüsse usw. für alle Teilnehmer zu schaffen. Dagegen formuliert Artikel 2 unseres Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, sofern er nicht die Rechte anderer verletzt“. Und in § 1 im achten Buch des Sozialgesetzbuches heißt es „Jeder junge Mensch hat das Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“
 
Eine auf Gleichheit ausgerichtete Bildung ist jedoch nicht in der Lage, Menschen diejenigen Fähigkeiten zu vermitteln, die zu ihrer freien Persönlichkeitsentwicklung erforderlich sind: Konventionelle Bildung versagt bei der Förderung der individuellen Entwicklung von Menschen, da sich Individualität und Freiheit eben nicht durch allgemeine Inhalts-, Prüfungs- und Abschlussvorgaben fördern lassen, welche vielmehr die freie Entwicklung von Menschen aktiv behindern.
 

Biographische Individualisierung

Wir erleben in unserer Zeit eine stetig fortschreitende Auflösung gesellschaftlicher Strukturen. In einer Gesellschaft, die bezüglich ihrer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse zunehmend unsicherer und labiler wird, lassen sich die zukünftigen Lebensverhältnisse und Entwicklungsperspektiven von Menschen immer weniger vorhersehen und planen. Das Ergebnis wird eine zunehmende biographische Individualisierung der Menschen sein, wohingegen Lebensläufe in der Vergangenheit oftmals standardisierten Einheitsmustern folgten, welche insbesondere durch den Beruf und den familiären Status eines Menschen bestimmt wurden.

Weil die biographische Entwicklung einzelner Menschen immer unvorhersehbarer wird, ist auch nicht kalkulierbar, welche konkreten Fähigkeiten ein Mensch benötigen wird, um die in unterschiedlichen Situationen seines Lebens jeweils an ihn herantretenden Herausforderungen zu bewältigen. Und da Fähigkeiten durch Bildung vermittelt werden, ist folglich auch nicht absehbar, welche Bildung ein Mensch während seines Lebens brauchen, und wann er die jeweilige Bildung benötigen wird. Allgemeine Lehrpläne und Studien- bzw. Ausbildungsverordnungen sind deswegen vollkommen ungeeignete Instrumente, um Menschen eine zukunftstaugliche Bildung zu vermitteln.

 

Wandel des Arbeitslebens

Insbesondere das gesellschaftliche Arbeitsleben zeichnet sich durch eine immer höhere Fluktuation und Unbeständigkeit aus, die sich in Zukunft noch beträchtlich steigern wird: Die zunehmende Mechanisierung der Arbeitsprozesse (insbesondere durch die massiv fortschreitende Computerisierung und Roboterisierung im Produktions- und Dienstleistungsbereich), der stetige technische Fortschritt und der hiermit in Wechselwirkung stehende schnelle Wandel der Bedürfnisse verlangen von den arbeitenden Menschen eine immer größere Flexibilität, im Verlauf ihres Arbeitslebens mehrfach ihre Beschäftigung und die Ausrichtung ihrer Arbeit zu wechseln. Damit wird der Beruf als jahrhundertelange primäre Kategorie des Arbeitslebens immer mehr durch die weitaus flexiblere Form der Projektarbeit ersetzt werden. Aufgrund der Aufeinanderfolge jeweils unterschiedlicher Projekte im Verlauf des Arbeitslebens unterschiedlicher Menschen werden sich in zunehmendem Ausmaß individuelle Arbeitsbiographien herausbilden und die oftmals lebenslang auf einen einzigen Arbeitsbereich beschränkte Berufsarbeit ersetzen.

Weil sich die Ausbildung notwendigerweise der Flexibilisierung der Arbeit anpassen muss, wird an die Stelle konventioneller Berufsausbildungen zunehmend die Ausbildung zur Projektarbeit treten müssen. Jahrelange Spezialausbildungen werden vermehrt durch konzentrierte Vorbereitungen auf bestimmte Projekte (Lehrgänge, Schulungskurse, Kompaktseminare etc.) ersetzt werden, Ausbildungs- und Arbeitsphasen werden einander vielfach abwechseln; und ein nicht unwesentlicher Teil der Bildung wird sich erst im Verlauf der Projektarbeit selber erwerben lassen. Insgesamt werden Arbeit und Bildung im zukünftigen gesellschaftlichen Arbeitsleben weit stärker ineinander integriert werden müssen, anstatt in eine einzige Ausbildungsphase und eine daran anschließende Berufstätigkeit zu zerfallen, wie dies in der Vergangenheit durchweg der Fall war.

 

Grundfähigkeiten

Weil es immer unvorhersehbarer wird, welche konkreten Fähigkeiten ein Mensch im Laufe seines Lebens tatsächlich benötigen wird, kommt es vor allem auf den Erwerb solcher Fähigkeiten an, die es ihm ermöglichen, sich die in bestimmten Lebenssituationen erforderlichen Fähigkeiten selbständig anzueignen. An die Stelle der Ausbildung einzelner, sachbezogener Fähigkeiten wird es in Zukunft immer wichtiger werden, allgemein anwendbare Grundfähigkeiten auszubilden, die auf allen Gebieten des Lebens anwendbar sind, und ohne deren Erwerb sich individuelle Selbstverwirklichung und ein soziales Zusammenleben der Menschen nicht befriedigend gestalten lassen.

Diese Grundfähigkeiten umfassen einerseits solche Fähigkeiten, welche einen Menschen in die Lage versetzen, sich konkrete Einzelfähigkeiten selbständig zu erwerben. Dazu gehören die autonomen Fähigkeiten zur Selbstorganisation, Selbstausbildung, Selbsterziehung und Selbstreflexion. Andererseits benötigt jeder Mensch, der sein Zusammenleben mit anderen Menschen befriedigend gestalten will, grundlegende soziale Fähigkeiten zur Kommunikation, Beziehungsgestaltung sowie zur Gemeinschaftsgestaltung.

 

Individualisierung der Bildung

Wenn sich die Lebensläufe und Arbeitsbiographien der Menschen ebenso wie die Herausforderungen, die sich ihnen im Verlauf ihres Lebens stellen, immer mehr individualisieren, dann muss dies auch für die Bildung gelten, die dem einzelnen Menschen jeweils angemessen ist. Selbstverständlich benötigt ein Mensch, der in unserer Gesellschaft bestehen will, hinreichende Kenntnisse in Deutsch, Englisch, Mathematik usw. Wesentlich wichtiger ist jedoch die Ausbildung der Fähigkeit, sich Bildung selbständig und individuell anzueignen. Diese Fähigkeit wird es einem Menschen ermöglichen, genau diejenigen konkreten Fähigkeiten auszubilden, welche er in einer bestimmten Lebenssituation oder Lebensphase wirklich braucht.

Damit wird der Erwerb konkreter Bildung zu großen Teilen ebenfalls zu einer individuellen Angelegenheit, die der einzelne Mensch in eigener Initiative betreiben muss. Die individuellen Bildungsanstrengungen, die ein Mensch im Verlauf seines Lebens unternimmt, lassen sich gezielt als Bildungsprojekte organisieren. Die Abfolge unterschiedlicher Bildungsprojekte eines Menschen resultiert in einer individuellen Bildungsbiographie, welche das ergänzende Gegenstück zu seiner individuellen Arbeitsbiographie und damit einen ebenso wesentlichen Bestandteil seiner biographischen Gesamtentwicklung bildet. Eine zukunftsgerechte Bildung wird deswegen eine zunehmende Individualisierung menschlicher Bildungsbiographien zur Folge haben.

 

Selbstorganisierte Bildung

Die selbständige Gestaltung der eigenen Bildungsprozesse kann nur gelingen, wenn sich ein Mensch für die Gestaltung seiner Bildungsbiographie selber verantwortlich fühlt, die erforderlichen Bildungsanstrengungen und Arbeitsschritte eigenverantwortlich durchführt und sich den Erwerb seiner Fähigkeiten selber organisiert.

Die Selbstorganisation der eigenen Bildung setzt jedoch ihrerseits ganz erhebliche Fähigkeiten voraus. Ziel dieser Website ist es, Anregungen für die Selbstorganisation von Bildung zu vermitteln.