Idee

Das Ziel von Bildung ist die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten. In einer freiheitlichen Gesellschaft hat Bildung vor allem zwei fundamentale Zielsetzungen, nämlich

  1. diejenigen Fähigkeiten auszubilden, die es dem einzelnen Menschen ermöglichen, ein möglichst selbstbestimmtes, ihn zufriedenstellendes Leben zu führen und
  2. Fähigkeiten zu erwerben, die ein befriedigendes Zusammenleben der Menschen und damit das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft ermöglichen.

Beide Ziele sind wechselseitig voneinander abhängig, denn die Unzufriedenheit vieler Menschen mit ihrem Leben schädigt das menschliche Zusammenleben und damit die Gesellschaft als Ganzes, während eine gestörte Gesellschaftsordnung und ein unbefriedigendes Zusammenleben sich negativ auf die Befindlichkeit und die Lebensführung der einzelnen Menschen auswirken.

Unser gesellschaftliches Bildungssystem ist dadurch gekennzeichnet, dass es die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen vielfach systematisch behindert: In Schulen, Universitäten, Berufsausbildungen usw. wird die Entwicklung und Selbstverwirklichung junger Menschen immer mehr in einheitliche Bahnen gezwängt, in denen es darum geht, sich auf genau vorgeschriebenen Wegen oftmals willkürlich festgesetzte Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen und in Prüfungen abzurufen, um zu einem staatlich anerkannten Schul-, Hochschul- oder Ausbildungsabschluss zu gelangen, der dann angeblich die „Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ erhöht.

Was aber Menschen aus sich selber machen wollen, welche Talente, Fähigkeiten und Neigungen sie mitbringen und wie diese Fähigkeiten zu entwickeln wären: All diese Fragen spielen in der Bildungspolitik und in unserem Gesellschaftssystem kaum eine Rolle. Aufgrund fehlender individueller Bildungsmöglichkeiten bleiben zahlrei­che Anlagen von Menschen unentwickelt, die deswegen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und ihr mitgebrachtes Potenzial nicht verwirklichen können. Klischeehafte Lebensmuster und stagnierende Biografien, Depressionen und Aggressionen sind die zunehmenden Folgen dieser Entwicklung, welche immer mehr Menschen in Lebens- und Orientierungskrisen hineinführt. 

Weil mit einer Veränderung unseres staatlich kontrollierten Bildungssystems bis auf weiteres nicht zu rechnen ist, werden Menschen, die hier nicht resignieren und auf eine Ausbildung ihrer Fähigkeiten verzichten wollen, selber für eine Bildung und Ausbildung sorgen müssen, die ihren individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht. Dann kann Bildung allerdings nicht mehr als ein Konsumgut betrachtet werden, das dem Menschen – organisiert von Politik, Wirtschaft und Medien – durch die Gesellschaft verabreicht wird. Stattdessen muss der einzelne Mensch, wenn er sich selbstständig verwirklichen will, seine eigenen Bildungsprozesse selber in die Hand nehmen und sich seine Bildung selber organisieren, um sich diejenigen Fähigkeiten anzueignen, die er benötigt, um sein Leben und seine eigene Entwicklung selber zu gestalten.

Was sollen die Inhalte einer solchen Bildung sein? Welche Fähigkeiten sollen ausgebildet werden? Da die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse in unserer Gesellschaft zunehmend unsicherer und labiler werden, lassen sich die zukünftigen Lebensverhältnisse und Entwicklungsperspektiven der Menschen immer weniger vorhersehen und planen. Somit ist auch nicht kalkulierbar, welche konkreten Fähigkeiten ein Mensch benötigen wird, um die in unterschiedlichen Situationen seines Lebens jeweils an ihn herantretenden Herausforderungen zu bewältigen. Weil Fähigkeiten durch Bildung vermittelt werden, ist folglich auch nicht absehbar, welche Bildung ein Mensch während seines Lebens brauchen, und wann er die jeweilige Bildung benötigen wird.

Weil es immer unvorhersehbarer wird, welche konkreten Fähigkeiten ein Mensch im Laufe seines Lebens tatsächlich benötigen wird, kommt es vor allem auf den Erwerb solcher Fähigkeiten an, die es ihm ermöglichen, sich die in bestimmten Lebenssituationen erforderlichen Fähigkeiten selbständig anzueignen. An die Stelle der Ausbildung einzelner, sachbezogener Fähigkeiten wird es in Zukunft immer wichtiger werden, allgemein anwendbare Fähigkeiten auszubilden, die auf allen Gebieten des Lebens anwendbar sind, und ohne deren Erwerb sich individuelle Selbstverwirklichung und ein soziales Zusammenleben der Menschen nicht befriedigend gestalten lassen.

Deswegen kommt es vor allem auf den Erwerb solcher Fähigkeiten an, die es ermöglichen, sich die in bestimmten Lebenssituationen erforderlichen Fähigkeiten selbständig anzueignen: Anstelle der Ausbildung einzelner sachbezogener Fähigkeiten geht es darum, allgemein anwendbare Grundfähigkeiten auszubilden, die auf allen Gebieten des Lebens anwendbar sind, und ohne deren Erwerb sich individuelle Selbstverwirklichung und ein soziales Zusammenleben der Menschen nicht befriedigend gestalten lassen. Hierbei kommen zunächst vier Grundfähigkeiten der individuellen Selbstverwirklichung in Betracht, nämlich

  1. die Fähigkeit, seine eigenen Handlungsprioritäten selber zu bestimmen und seine Zeitgestaltung entsprechend einzurichten, d.h. die Fähigkeit zur Selbstorganisation,
  2. die Fähigkeit, sich neue Kenntnisse und Fähigkeiten gezielt und effektiv anzueignen, d.h. die Fähigkeit zur Selbstausbildung,
  3. die Fähigkeit, eigene Verhaltensgewohnheiten zu ändern und seine intellektuellen und charakterlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, d.h. die Fähigkeit zur Selbsterziehung,
  4. die Fähigkeit, seine Erfahrungen gezielt auszuwerten und die eigenen Entwicklungsperspektiven realistisch zu beurteilen, um auf dieser Grundlage bewusste und tragfähige Entschlüsse zu fassen und Entscheidungen zu treffen, d.h. die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Die soziale Selbstverwirklichung des Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Menschengemeinschaften setzt darüber hinaus drei soziale Grundfähigkeiten voraus:

  1. die Fähigkeit, sich anderen Menschen verständlich zu machen, sie zu verstehen sowie konstruktiv auf ihre Äußerungen zu reagieren, d.h. die Fähigkeit zur Kommunikation,
  2. die Fähigkeit zur bewussten Mitgestaltung seiner zwischenmenschlichen Beziehungen, d.h. zur Beziehungsgestaltung,
  3. die Fähigkeit zum konstruktiven Zusammenwirken mit anderen Menschen bei der Verwirklichung gemeinsamer Zielsetzungen, d.h. zur Gemeinschaftsgestaltung.

Die Ausbildung dieser Grundfähigkeiten wird einen Menschen befähigen, mit den unterschiedlichsten im Verlauf seines Lebens an ihn herantretenden Herausforderungen souverän und angemessen umzugehen und ihm insofern eine umfassende soziale Selbstverwirklichung im Sinne einer „freien Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit“ ermöglichen. Sie wird ihn dazu befähigen, sich genau diejenigen konkreten Fähigkeiten selber anzueignen, die er in einer bestimmten Lebenssituation oder Lebensphase wirklich braucht. Damit wird der Erwerb von Bildung in weiten Teilen zu einer individuellen, in eigener Initiative betriebenen Angelegenheit: Jeder Mensch kann sich im Verlauf seines Lebens diejenige individuelle Bildungsbiographie gestalten, die seinem Leben angemessen ist.

Ziel dieser Website ist es, Anregungen für die Selbstorganisation von Bildung zu vermitteln. Hierzu steht eine Reihe von Angeboten zur Verfügung:

Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung der Website ist Lars Grünewald.