Arbeit und Selbstverwirklichung

Menschen verwirklichen sich vor allem in dem, was sie tun. Das menschliche Handeln ist insofern das wichtigste Mittel der individuellen Selbstverwirklichung.

Selbstbestimmte Handlungen können zum einen um ihrer selbst willen vollzogen werden. In diesem Fall ließe sich das Motiv als "Liebe zum Handeln" kennzeichnen. Oder aber wir handeln mit dem Ziel, durch dieses Handeln ein bestimmtes Ergebnis hervorzubringen. Dann ist unser Handeln kein Selbstzweck, sondern lediglich Mittel zum Zweck, und wir bezeichnen es als Arbeit. Arbeit kann daher ein wesentlicher Bestandteil der Selbstverwirklichung sein; und das Motiv für selbstbestimmte Arbeit ist die „Liebe zum angestrebten Ergebnis des Handelns“. Wenn beide Motive zusammenfallen und sowohl die Tätigkeit selber als auch deren Ergebnis uns zum Handeln motiviert, ergibt sich die "Liebe zur Arbeit" als Handlungsmotiv.

Nun können sich auch andere Menschen für die Resultate unserer Arbeit interessieren, wenn das von uns Hervorgebrachte bei ihnen auf ein entsprechendes Bedürfnis trifft und dadurch einen Wert für sie hat. Gegebenenfalls sind sie dann auch bereit, uns eine Gegenleistung zukommen zu lassen und uns für unsere Arbeitserzeugnisse zu bezahlen. Falls wir durch unsere aus eigener Neigung hervorgebrachten Arbeitsergebnisse ein ausreichendes Einkommen erziele, können wir durch unsere Selbstverwirklichung unseren Lebenunterhalt finanzieren. In dem Maße, in dem uns dies nicht gelingt, müssen wir dagegen reine Lohnarbeit verrichten: Unsere Arbeit wird dann zu einer Ware, die wir für Geld verkaufen.

Alle aus eigenem Antrieb vollbrachten Tätigkeiten des Menschen gehören zunächst unmittelbar dem kulturellen Leben an, Indem aber andere Menschen uns für ihre Teilhabe an unseren Arbeitserzeugnissen oder für deren Erwerb entlohnen, wird das entsprechende Kulturgut zugleich zu einem Wirtschaftsgut. Arbeit wird damit zu einem möglichen Bindeglied zwischen Kultur und Wirtschaft: Als Kulturphänomen ermöglicht Arbeit dem Arbeitenden dessen Selbstverwirklichung; als Wirtschaftsphänomen ermöglicht sie einerseits die Bedürfnisbefriedigung anderer und andererseits ein Einkommen des Arbeitenden als Gegenleistung für seine Arbeitserzeugnisse. Arbeiten für sich und Arbeiten für andere schließen einander folglich keineswegs aus. Da nun Arbeiten für sich immer Selbstverwirklichung und Arbeiten für andere immer sozial ist, kann Arbeit zu einem Mittel der sozialen Selbstverwirklichung werden.

Der Nachweis, dass Arbeit als Mittel des Selbstverwirklichung und als Mittel des Gelderwerbes einander nicht ausschließen,  ist deshalb wesentlich, weil Arbeiten für andere und Selbstverwirklichung ansonsten nur getrennt voneinander realisierbar wären. Wer eine reine Lohnarbeit für sich ablehnt, der muss sich überlegen, wie es ihm gelingen kann, andere Menschen für die Ergebnisse seiner freien Arbeit zu interessieren, wie er also eine Form finden kann, in der er sowohl für sich als auch für andere arbeitet. In dem Ausmaß, in dem diese Synthese gelingt, ist die Arbeit sowohl frei als auch sozial und wird damit zu einem wesentlichen Bestandteil sozialer Selbstverwirklichung. 

Nun kann außer der Freude am Arbeiten für sich selbst auch noch die Freude am Arbeiten für andere als Motiv der freien Arbeit in Betracht kommen. Bei dieser „Liebe zum Arbeiten für andere“ wird die selbstbestimmte Arbeit nicht erst mittelbar, sondern unmittelbar zu einem Ausdruck der sozialen Selbstverwirklichung, denn der ursprüngliche Gegensatz von Selbstverwirklichung und sozialer Arbeit fällt hier weg, weil die Selbstverwirklichung schon unmittelbar einen sozialen Charakter annimmt.  

Es ist eine wesentliche Aufgabe allgemeinbildender Schulen sowie von Hochschulen und Berufsausbildungen, junge Menschen auf deren späteres Arbeitsleben vorzubereiten. Wenn nun 1) soziale Selbstverwirklichung als allgemeines Bildungsziel angestrebt werden soll und sich 2) soziale Selbstverwirklichung ganz wesentlich im selbstbestimmten Arbeiten für andere Menschen manifestiert, dann folgt daraus, dass die Vermittlung der Fähigkeiten zum selbstbestimmten Arbeiten für andere eine wesentliche Aufgabenstellung unserer gesellschaftlichen Bildungsinstitutionen sowie ganz allgemein von Bildungsprozessen überhaupt sein müsste. Ein begründetes Urteil über die Zukunftsmöglichkeiten des freien Arbeitens für andere ist aber erst möglich, nachdem wir die zukünftige Entwicklung unseres gesellschaftlichen Arbeitslebens näher untersucht haben.

Eine ausführlichere Entwicklung des hier dargestellten Gedankenganges findet sich in diesem Aufsatz:

http://selbstorganisierte-bildung.de/nachlesen/arbeit-und-selbstverwirklichung