Soziale Selbstverwirklichung als Bildungsziel

Die fundamentalen Ziele von Bildungsprozessen bewegen sich prinzipiell zwi­schen zwei einander entgegengesetzten Extremen, nämlich einerseits dem Anliegen der individuellen Selbstverwirklichung des einzelnen Menschen und andererseits dessen Inte­gration in die Gesellschaft

Wird eine dieser beiden grundlegenden Bildungsperspektiven einseitig – ohne Berücksichtigung des entgegengesetzten Standpunktes – forciert, so führt dies unweigerlich zu negativen, durchaus dramatischen Konsequenzen: Bei Vernachlässigung des Aspekts der gesellschaftlichen Integration droht der Mensch zu einem asozialen, bei Nichtberücksichtigung seiner individuellen Selbstverwirklichung hingegen zu einem selbst- bzw. individualitätslosen Wesen zu werden. Beide Bildungsperspektiven sind daher als ausschließliches Bildungsziel ungeeignet.

Die gegenwärtige europäische Bildungspolitik zielt nahezu ausschließlich auf die Inte­gration des einzelnen Menschen in die Gesellschaft ab. Ursache hierfür ist das Bestreben, das bestehende politische und wirtschaftliche System zu erhalten, indem die Menschen durch rechtzeitige Erziehung von vornherein an die bestehenden Strukturen angepasst werden. Das Ergebnis einer derart rücksichtslosen und menschenfeindlichen Politik ist die systematische Deformierung menschlicher Persönlichkeiten, ihrer Biografien sowie ihrer Entwicklungschancen, selbstbestimmte Zielsetzungen mittels hierzu ausgebildeter Fähig­keiten verfolgen zu können. Eine solche systematische Vernichtung der biografischen Ent­wicklungsmöglichkeiten weiter Teile der Gesamtbevölkerung muss natürlich schwerwie­gende seelische Schädigungen bei den betroffenen Menschen hervorrufen.

Um der flächendeckenden Verstümmelung menschlicher Biografien und Entwicklungsmöglichkeiten wirkungsvoll begegnen zu können, müsste sich unser Bildungs­system von dem einseitigen Zwang zur Integration aller Menschen in die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Strukturen befreien und sich statt dessen verstärkt an der Zielsetzung der individuellen Förderung von Menschen bei der Verwirklichung ihrer Anlagen und Lebensintentionen ausrichten: Angesichts der gegenwärtigen desolaten Lage unseres Bildungssystems brauchen wir dringend eine Individualisierung der Bildung und ein Bildungsverständnis, das Bildung als eine Hilfestellung zur Persönlich­keitsentwicklung des einzelnen Menschen auffasst.

Dabei darf allerdings der entgegen­gesetzte Aspekt der sozialen Integration nicht vernachlässigt werden: Weil jeder Mensch seinen Freiraum nur dann zur Selbstverwirklichung nutzen kann, wenn er vor eigenmächtigen Übergriffen anderer geschützt wird sowie in kulturellen und wirt­schaftlichen Austausch mit anderen treten kann, erweist sich eine hinreichende gesellschaft­liche Integration als unverzichtbarer Bestandteil einer individualitätsfördernden Bildung. Indem wir das Motiv der individuellen Selbstverwirklichung durch den Aspekt der ge­sellschaftlichen Integration ergänzen, ergibt sich die soziale Selbstverwirklichung des Menschen als leitendes Bildungsziel.

Ebenso wenig, wie individuelle Selbstverwirklichung ohne ein gewisses Maß an gesell­schaftlicher Integration gelingen kann, so ist umgekehrt ein befriedigendes gesellschaftliches Zusammenleben ohne die freie Entfaltung der Fähigkeiten von Menschen un­möglich: Individuelle Bildung fördert nämlich nicht nur die Selbstverwirklichung des einzelnen Menschen, sondern stellt zugleich eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklungs- und Re­formfähigkeit einer Gesellschaft dar. Die Förderung individueller Fähigkeiten ist daher nichts, vor dem die Gesellschaft durch die Zwangsregulierungen eines Obrigkeitsstaates geschützt werden müsste; vielmehr wäre die freie und ungehinderte Förderung von Fähigkeiten durch eine von staatlichen Zwängen befreite Bildung die einzige Perspektive für die Lösung unse­rer sozialen Probleme.

Als nächstes wäre zu klären, was soziale Selbstverwicklung konkret bedeutet, d.h. in welchen Lebensbereichen und auf welche Weise sich Menschen sozial verwirklichen können. Von dort aus ließen sich dann die Fähigkeiten ermitteln, über welche ein Mensch verfügen muss, damit ihm die eigene soziale Selbstverwirklichung gelingen kann.

Eine ausführlichere Entwicklung des hier dargestellten Gedankenganges findet sich in dem folgenden Aufsatz:

http://www.selbstorganisierte-bildung.de/sites/default/files/materialien/Soziale%20Selbstverwirklichung%20als%20Bildungsziel.pdf