Zukunft der Arbeit

Die zunehmende Differenzierung des gesellschaftlichen Arbeitslebens führt zu immer spezialisierteren Berufsbildern. In einem genügend eng umgrenzten Arbeitsgebiet lassen sich sämtliche Tätigkeitsabläufe exakt definieren und programmieren. Für die Durchführung mechanisierter Arbeiten sind Menschen überflüssig und werden daher längerfristig vollkommen durch Maschinen ersetzt werden, so dass als menschliche Arbeiten nur noch produktive, schöpferische Tätigkeiten übrig bleiben. Allerdings wird schöpferische, individualisierte Arbeit für andere nur dort von Interesse sein, wo sie auf individualisierte Bedürfnisse trifft. Individuelle Bedürfnisse sind aber nicht berechenbar; sie entstehen und vergehen prinzipiell unerwartet. In genau demselben Tempo und mit derselben Unberechenbarkeit entstehen und verschwinden dann auch die entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten, deren Ziel die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist.

Ein Arbeitsleben, das sich dem Wandel individueller Bedürfnisse anpasst, hat daher keinen Berufscharakter mehr, sondern Projektcharakter: Ein Projekt ist ein Vorhaben, das durch die Einmaligkeit seiner Bedingungen gekennzeichnet ist. Wenn menschliche Arbeit in unserer Gesellschaft eine Zukunft haben soll, dann werden wir uns zunehmend von der Berufsarbeit weg hin zur Projektarbeit orientieren müssen.

Da es sich bei jedem Projekt um eine individuell zu gestaltende und zu bewältigende Arbeitsaufgabe handelt, ermöglicht Projektarbeit eine wesentlich größere Abwechslung und Vielseitigkeit als die herkömmliche Berufsarbeit. Durch die Aufeinanderfolge unterschiedlicher Projekte bildet sich für jeden Menschen im Laufe seines Lebens eine individuelle Arbeitsbiographie heraus. Das hätte gegenüber der traditionellen Einteilung in Berufsgruppen eine wesentlich stärkere Individualisierung der Menschen zur Folge. Ein projektorientiertes Arbeitsleben ermöglicht dem Einzelnen deswegen eine wesentlich vielseitigere und individuellere Selbstverwirklichung als die Begrenzung seiner Arbeitsaktivitäten auf einen einzigen Beruf.

Allerdings stellt die Ausrichtung auf Projektarbeit erhebliche Anforderungen an den einzelnen Menschen: Projektarbeit setzt persönliche Flexibilität voraus, nämlich die Bereitschaft zur Anpassung an sich wandelnde gesellschaftliche Umstände. Wer sich der Projektarbeit zuwendet, muss bereit sein, seine Arbeitsbiographie selbst zu gestalten, was primär eine Frage der Selbstmotivation darstellt. Eine zeitgemäße Bildung muss daher vor allem den Willen und die Initiative schulen, statt bloß reproduzierbares Wissen zu vermitteln. Da sich ein Einkommen mit Projektarbeit nur erzielen lässt, wenn diese auf individualisierte Bedürfnisse trifft, erfordert die Konzentration auf Projektarbeit ein geschultes Wahrnehmungs- und Beobachtungsvermögen für die offenen oder auch latenten Bedürfnisse anderer Menschen sowie die Fähigkeit, diese Bedürfnisse gezielt anzusprechen, um die eigene Arbeit auf die Interessen anderer abstimmen zu können.

Projektarbeit setzt eine ebenso flexible, praxisorientierte Ausbildung voraus, die sich zeitnah an den jeweils erforderlichen Fähigkeiten orientiert. Vom Einzelnen erfordert Projektarbeit die Bereitschaft, sich immer wieder selbstständig in neue Gebiete einzuarbeiten. Durch die beständige Weiterbildung entwickelt sich parallel zur individuellen Arbeitsbiographie des einzelnen Menschen eine ebenso individuelle Bildungsbiographie, deren Gestaltung gleichfalls ein erhebliches Maß an Initiative und Willensstärke erfordert.

Der Charakter von Projekten als "Erst- und Einmalvorhaben“ hat zur Folge, dass auch jedes zielgerichtete Bildungs- und Ausbildungsvorhaben als Projekt aufzufassen ist. Insofern müssen wir Arbeitsprojekte und Bildungsprojekte voneinander unterscheiden und in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander setzen: Wer sich nicht beständig weiterbildet, der kann nur noch reproduktiv arbeiten und wird bei einen entsprechenden Wandel der Bedürfsnisse arbeitslos.

Die zukünftige Entwicklung des gesellschaftlichen Arbeitslebens wird den an ihm betei­ligten Menschen aufgrund der Übernahme aller reproduktiven Arbeiten durch Maschinen erhebliche Möglichkeiten des selbstbestimmten, individualisierten Arbeitens für andere und damit der sozialen Selbstverwirklichung eröffnen, wenn sie für ein solches individualisiertes Arbeiten in der Form von Projektarbeit hinreichend ausgebildet sind. Daraus ergibt sich die Frage, welche grundlegenden Fähigkeiten zur Projektarbeit bzw. zur Gestaltung einer individuellen Arbeitsbiografie erforderlich sind.

Eine ausführlichere Entwicklung des hier dargestellten Gedankenganges findet sich in diesem Aufsatz:

http://selbstorganisierte-bildung.de/sites/default/files/materialien/Zukunft%20der%20Arbeit_0.pdf