Idee

Unser gesellschaftliches Bildungssystem ist dadurch gekennzeichnet, dass es die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen systematisch behindert: In Schulen, Universitäten, Berufsausbildun­gen usw. wird die Entwicklung und Selbstverwirklichung vor allem junger Menschen zunehmend in ein­heitliche Bahnen gezwängt, in denen es darum geht, sich auf genau vorgeschriebenen Wegen oftmals willkürlich festgesetzte Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen und in Prüfungen abzurufen, um zu einem staatlich anerkannten Schul-, Hochschul- oder Ausbildungsabschluss zu gelangen, der dann angeblich die „Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ erhöht.

Was aber Menschen aus sich selber machen wollen, welche Talente, Fähigkeiten und Neigungen sie mitbringen und wie diese Fähigkeiten zu entwickeln wären: All diese Fragen spielen in der gegenwärtigen Bildungspolitik und in unserem Gesellschaftssystem kaum eine Rolle. Aufgrund fehlender individueller Bildungsmöglichkeiten bleiben zahlrei­che Anlagen von Menschen unentwickelt, die deswegen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und ihr mitgebrachtes Potenzial nicht verwirklichen können. Klischeehafte Lebensmuster und stagnierende Biografien, Depressionen und Aggressionen sind die zunehmenden Folgen dieser Entwicklung, welche immer mehr Menschen in Lebens- und Orientierungskrisen hineinführt, an denen ihre biographische Entwicklung zu scheitern droht.

Jede Krise ist eine Entscheidungssituation, die grundlegende Fragen der eigenen Selbstorientierung aufwirft. Die Schlüsselfrage lautet: Was kann und was will ich in meiner gegenwärtigen Lebenssituation tun? Bei allen grundlegenden Orientierungskrisen kommt es darauf an, geeignete Lebensformen (z.B. Arbeitsformen, Bildungs- und Ausbildungsformen, Beziehungsformen, Gemeinschaftsformen usw.) zu finden, welche der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Lebensintentionen entsprechen, und diese Lebensformen durch eigene Aktivität zu verwirklichen.

Die in unserer Gesellschaft gegenwärtig verbreiteten und allgemein anerkannten Lebens-, Arbeits-, Bildungs-, Beziehungs- und Gemeinschaftsformen sind vielfach vollkommen ungeeignet, die individuelle Entwicklung von Menschen zu fördern und ihren persönlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, da es sich bei ihnen um allgemeine Formen handelt, welche die individuellen Besonderheiten einzelner Menschen nicht berücksichtigen. Wer sich innerhalb konventioneller Lebensformen nicht auf eine ihm gemäße Weise verwirklichen kann, der muss seine eigenen individuellen Lebensformen selber entwickeln. Dies setzt drei grundlegende Fähigkeiten voraus:

  • die Kreativität, geeignete individuelle Lebensformen zu entwickeln,

  • das Können, diese Formen in eigene Lebenspraxis umzusetzen sowie

  • die Entschlossenheit und Willensstärke, diese Umsetzung gegen äußere und innere Widerstände durchzusetzen.

Woher sollen diese Fähigkeiten kommen? Den Prozess der Entwicklung von Fähigkeiten nennen wir Bildung. Es wird also für das Gelingen einer selbstbestimmten Lebensführung darauf ankommen, die hierfür erforderlichen Fähigkeiten bei sich selber auszubilden. Da für eine solche Zielsetzung durch unser staatlich kontrolliertes und weitgehend durch Wirtschaftsinteressen bestimmtes Bildungssystem keine Unterstützung zu erwarten ist, werden diejenigen, die hier nicht resignieren und auf eine Ausbildung ihrer Fähigkeiten verzichten wollen, selber für eine Bildung und Ausbildung sorgen müssen, die ihren individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht. Bildung kann dann allerdings nicht mehr als Konsumgut betrachtet werden, das dem Menschen - organisiert von Politik und Wirtschaft - durch die Gesellschaft verabreicht wird. Stattdessen muss der einzelne Mensch, wenn er sich selbständig verwirklichen will, seine eigenen Bildungsprozesse selber in die Hand nehmen und sich seine eigene, von staatlichen Vorgaben vollkommen unabhängige Bildung selber organisieren, um sich diejenigen Fähigkeiten anzueignen, die erforderlich sind, um das eigene Leben und die eigene Entwicklung selber zu gestalten.

Nun setzt aber die Selbstorganisation der eigenen Bildung wiederum erhebliche Fähigkeiten voraus, die ich mir zunächst einmal aneignen muss, bevor ich die Möglichkeit habe, meine eigenen Bildungsziele selber zu realisieren. Die grundlegenden Voraussetzungen zur Selbstorganisation von Bildung und zur selbständigen Gestaltung des eigenen Lebens lassen sich auf vier Grundfähigkeiten reduzieren:

  • die Fähigkeit, seine eigenen Handlungsprioritäten selber zu bestimmen und seine Zeitgestaltung entsprechend einzurichten, d.h. die Fähigkeit zur Selbstorganisation

  • die Fähigkeit, sich neue Kenntnisse und Fähigkeiten gezielt und effektiv aneignen zu können, d.h. die Fähigkeit zur Selbstausbildung

  • die Fähigkeit, seine eigenen Verhaltensgewohnheiten zu ändern und seine charakterlichen Fähigkeiten umzugestalten, d.h. die Fähigkeit zur Selbsterziehung

  • die Fähigkeit, seine eigenen Aktivitäten bewusst wahrzunehmen, zu beurteilen und zu gestalten, d.h. die Fähigkeit zur Selbstreflexion

Die soziale Verwicklung des Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Menschengemeinschaften setzt darüber hinaus drei weitere Grundfähigkeiten voraus:

  • die Fähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber verständlich auszudrücken, die Äußerungen anderer Menschen zu verstehen und mit ihnen Informationen auszutauschen, d.h. die Fähigkeit zur Kommunikation

  • die Fähigkeit zur Mitgestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, d.h. zur Beziehungsgestaltung

  • die Fähigkeit zur Mitgestaltung menschlicher Gemeinschaften, d.h. zur Gemeinschaftsgestaltung

Ziel dieser Website ist es, Anregungen und Kenntnisse für den Erwerb der angesprochenen Grundfähigkeiten sowie zur Selbstorganisation von Bildung zu vermitteln. Einige dieser Themen sollen in Vortragsvideos auf dem gleichnamigen YouTube-Kanal näher erörtert und ausgeführt werden. Seit einiger Zeit existiert auch eine Facebook-Seite zur Selbstorganisierten Bildung, welche ihre Abonnenten unmittelbar über Neuigkeiten und Aktualisierungen informiert. Schließlich stehen für entsprechenden Bedarf einige Bildungs- und Beratungsangebote zur Verfügung. Angesprochen sind

  • Menschen, die sich für grundlegende Fragen der eigenen Lebensgestaltung und der sozialen Gestaltung interessieren

  • Menschen, die vor einer beruflichen oder biografischen Neuorientierung stehen oder das Bedürfnis danach haben

  • junge Menschen, die bei der Wahl einer geeigneten Ausbildung noch nicht genau wissen, in welche Richtung sie sich orientieren können und wollen

  • Studierende und Auszubildende, die den Eindruck haben, in ihrem Studium bzw. in ihrer Ausbildung grundlegende Fähigkeiten nicht vermittelt zu bekommen

  • pädagogisch tätige Menschen, die außerhalb der konventionellen Lehrerbildung und -ausbildung nach zusätzlichen Grundlagen ihrer Arbeit suchen

  • Institutionen und Mitarbeiter von Institutionen, die an neuen Wegen der Selbstorganisation und Selbstverwaltung interessiert sind

Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung der Website ist Lars Grünewald.