Grundfähigkeiten der sozialen Selbstverwirklichung

1) Wozu Bildung?

§ 2 unseres Grundgesetzes formuliert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, sofern er nicht die Rechte anderer verletzt …“ Darüber hinaus heißt es in § 1 im achten Buch des Sozialgesetzbuches: „Jeder junge Mensch hat das Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“ Diese Formulierung betont einerseits die Eigenverantwortlichkeit und andererseits die Sozialfähigkeit des Menschen. Wir können beide Entwicklungsziele im Begriff der sozialen Selbstverwirklichung zusammenfassen.

Die Entwicklung einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit ist deswegen förderungsbedürftig, weil sie auf Fähigkeiten beruht, die nicht sogleich mit der Geburt vorhanden sind, sondern erst erworben werden müssen. Den Prozess des Erwerbs und der Ausbildung von Fähigkeiten bezeichnen wir als Bildung. Damit ist zugleich das oberste Bildungsziel im Sinne unseres Grundgesetzes gekennzeichnet, nämlich die Vermittlung derjenigen Fähigkeiten, welche zur sozialen Selbstverwirklichung des Menschen erforderlich sind. Wie muss Bildung beschaffen sein, um diese Zielsetzung zu realisieren?

 

2) Gleiche Bildung für alle?

Konventionelle Bildung, wie sie insbesondere in staatlich kontrollierten und organisierten Institutionen wie Schulen und Hochschulen betrieben wird, zielt auf den Erwerb konkreten Wissens und bestimmter konkreter Fähigkeiten ab, die wir in ihrer Gesamtheit als Sachkompetenz bezeichnen können: In der Schule gibt es zunächst inhaltlich bestimmte Fächer, deren jeweilige Bildungsziele durch Lehrpläne festgelegt werden. Hochschulen und Berufsausbildungen spezialisieren dann ihre Bildungsziele durch Studienordnungen und Ausbildungsverordnungen, welche für jedes Studienfach bzw. jeden Ausbildungsgang wiederum das Erreichen einheitlicher Bildungsziele vorschreiben, um den Studierenden und Auszubildenden auf der Grundlage von Prüfungen staatlich sanktionierte Abschlüsse zu vermitteln, die sie zum Ergreifen eines Berufes befähigen und somit “tauglich“ für den Arbeitsmarkt machen sollen.

Sowohl die Gestaltung schulischer Lehrpläne und Abschlüsse als auch die unterschiedlichen Studien- und Ausbildungsgänge richten sich primär am Prinzip der Gleichheit aus: Konventionelle Bildung ist fortwährend bestrebt, gleiche Bedingungen, Anforderungen, zeitliche und inhaltliche Abläufe, Prüfungen, Abschlüsse usw. für alle Teilnehmer zu schaffen. Dieses Gleichheitsziel behindert einerseits die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ und damit die individuelle „Entwicklung und … Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“ Andererseits wird eine auf Gleichheit ausgerichtete Bildung den Zukunftsforderungen unserer gesellschaftlichen Entwicklung nicht gerecht, weswegen es darauf ankäme, das veraltete und individualitätsfeindliche Prinzip der „gleichen Bildung für alle“ zu überwinden und durch ein zukunftsfähiges und in diesem Sinne modernes Bildungskonzept zu ersetzen. 

 

3) Wandel des Arbeitslebens

Gegenüber den festgefügten kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Vergangenheit erleben wir in unserer Zeit eine allmähliche und stetig fortschreitende Auflösung gesellschaftlicher Strukturen. Insbesondere das gesellschaftliche Arbeitsleben zeichnet sich durch eine immer höhere Fluktuation und Unbeständigkeit aus, die sich in Zukunft noch beträchtlich steigern wird: Die zunehmende Mechanisierung der Arbeitsprozesse (insbesondere durch die massiv fortschreitende Roboterisierung im Produktions- und Dienstleistungsbereich), der stetige technische Fortschritt und der hiermit in Wechselwirkung stehende schnelle Wandel der Bedürfnisse verlangen von den arbeitenden Menschen eine immer größere Flexibilität, mehrfach die Beschäftigung und die Ausrichtung ihrer Arbeit zu wechseln. Damit wird der Beruf als jahrhundertelange primäre Kategorie des Arbeitslebens immer mehr durch die weitaus flexiblere Form der Projektarbeit ersetzt werden. Aufgrund der Aufeinanderfolge unterschiedlicher Projekte im Verlauf des Arbeitslebens unterschiedlicher Menschen werden sich zunehmend individuelle Arbeitsbiographien herausbilden und die oftmals lebenslange, auf einen einzigen Arbeitsbereich beschränkte Berufsarbeit ersetzen.

An die Stelle konventioneller Berufsausbildungen wird daher zunehmend die Ausbildung zur Projektarbeit treten müssen, weil sich die Ausbildung notwendigerweise der Flexibilisierung der Arbeit anpassen muss, um Menschen angemessen auf ihr Arbeitsleben vorzubereiten. Jahrelange Spezialausbildungen werden vermehrt durch konzentrierte Vorbereitungen auf bestimmte Projekte (Lehrgänge, Schulungskurse, Kompaktseminare etc.) ersetzt werden, Ausbildungs- und Arbeitsphasen werden einander vielfach abwechseln, und ein nicht unwesentlicher Teil der Bildung wird sich erst im Verlauf der Projektarbeit selber erwerben lassen. Insgesamt werden Arbeit und Bildung im zukünftigen gesellschaftlichen Arbeitsleben weit stärker ineinander integriert werden müssen, anstatt in eine einzige Ausbildungsphase und eine daran anschließende Berufstätigkeit zu zerfallen, wie dies in der Vergangenheit durchweg der Fall war.

 

4) Biographische Individualisierung

Der Wandel des gesellschaftlichen Arbeitslebens ist nur ein Sonderfall der zunehmenden Unstetigkeit und Unsicherheit der menschlichen Lebensverhältnisse in unserer Gesellschaft, denn labile gesellschaftliche Verhältnisse resultieren zwingend in zunehmend unvorhersehbaren und unterschiedlichen Entwicklungsperspektiven der an dieser Gesellschaft beteiligten Menschen. Infolgedessen werden sich die Lebensvoraussetzungen sowie die Bedürfnisse, denen gemäß unterschiedliche Menschen ihr Leben gestalten, in immer größerem Umfang individualisieren. Individualisierte Arbeitsbiographien stellen folglich nur einen, wenngleich besonders wichtigen Aspekt der zunehmenden biographischen Individualisierung von Menschen dar, während Lebensläufe in der Vergangenheit prinzipiell standardisierten Einheitsmustern folgten, welche insbesondere durch den Beruf und den familiären Status eines Menschen bestimmt wurden

Weil die biographische Entwicklung der Menschen immer unvorhersehbarer wird, ist auch nicht kalkulierbar, welche konkreten Fähigkeiten ein Mensch benötigen wird, um die in unterschiedlichen Situationen seines Lebens jeweils an ihn herantretenden Herausforderungen zu bewältigen. Und da Fähigkeiten durch Bildung vermittelt werden, ist folglich auch unabsehbar, welche Bildung ein Mensch während seines Lebens brauchen, und wann er die jeweilige Bildung benötigen wird. Allgemeine Lehrpläne und Studien- bzw. Ausbildungsverordnungen stellen deswegen vollkommen ungeeignete Instrumente dar, Menschen eine zukunftstaugliche Bildung zu vermitteln:  

  • ·         Das jeweils angelernte Wissen wird meistens in einem zu großen zeitlichen Abstand zur Notwendigkeit seiner tatsächlichen Anwendung erworben und ist bis dahin oftmals bereits vergessen.

  • ·         Ein erheblicher Anteil der vermittelten Bildungsinhalte ist für das Leben des betreffenden Menschen überhaupt niemals relevant und deswegen überflüssig.

  • ·         Der tatsächliche Anwendungsfall erfordert oftmals ein weit differenziertes Wissen und Können, als es durch allgemeine Bildungsprozesse vermittelbar ist. Vermeintliche Allgemeinbildung ist deswegen vielfach zu oberflächlich, um in der Praxis nützlich zu sein.

Dies ist besonders dann der Fall, wenn die erforderlichen Bildungsinhalte überhaupt nicht aufgrund ihrer tatsächlichen Verwertbarkeit, sondern im Hinblick auf das Bestehen von Prüfungen gelernt werden: Das Lernen für Prüfungen ist eine weit verbreitete Dekadenzerscheinung insbesondere staatlich kontrollierter Bildung, welche deren Effizienz nicht etwa optimiert, sondern vielmehr minimiert.

 

5) Grundfähigkeiten  

Gibt es überhaupt allgemeine Bildungsvoraussetzungen, welche den Menschen zu einer „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ machen und ihn zu einer möglichst selbständigen Gestaltung seines Lebens befähigen? Konkrete, situationsbezogene Fähigkeiten (Sachkompetenzen) können diese Aufgabe nicht erfüllen, weil sie immer nur in bestimmten Lebenssituationen anwendbar sind, von denen vielfach unabsehbar ist, ob und in welcher Ausprägung ein einzelner Mensch derartige Situationen wirklich erleben und die zu ihrer Bewältigung jeweils erforderlichen Fähigkeiten tatsächlich benötigen wird. Die soziale Selbstverwirklichung eines Menschen erfordert vielmehr die Vermittlung allgemeiner Fähigkeiten, die ein Mensch dann in unterschiedlichen Situationen selber individualisieren und auf die jeweils aktuellen Erfordernisse abstimmen muss. Wir können solche allgemeinen Fähigkeiten als Metafähigkeiten bezeichnen und zunächst vier Grundfähigkeiten der individuellen Selbstverwirklichung voneinander unterscheiden, nämlich

  1. die Fähigkeit, seine eigenen Handlungsprioritäten selber zu bestimmen und seine Zeitgestaltung entsprechend einzurichten, d.h. die Fähigkeit zur Selbstorganisation

  2. die Fähigkeit, sich neue Kenntnisse und Fähigkeiten gezielt und effektiv anzueignen, d.h. die Fähigkeit zur Selbstausbildung

  3. die Fähigkeit, seine eigenen Verhaltensgewohnheiten zu ändern und seine intellektuellen und charakterlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, d.h. die Fähigkeit zur Selbsterziehung

  4. die Fähigkeit, seine Erfahrungen gezielt auszuwerten und die eigenen Entwicklungsperspektiven realistisch zu beurteilen, um auf dieser Grundlage bewusste und tragfähige Entschlüsse zu fassen, d.h. die Fähigkeit zur Selbstreflexion

Die soziale Selbstverwirklichung des Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Menschengemeinschaften setzt darüber hinaus drei soziale Grundfähigkeiten voraus:

  1. die Fähigkeit, sich anderen Menschen verständlich zu machen, sie zu verstehen sowie konstruktiv auf ihre Äußerungen zu reagieren, d.h. die Fähigkeit zur Kommunikation

  2. die Fähigkeit zur bewussten Mitgestaltung seiner zwischenmenschlichen Beziehungen, d.h. zur Beziehungsgestaltung

  3. die Fähigkeit zum konstruktiven Zusammenwirken mit anderen Menschen bei der Verwirklichung gemeinsamer Zielsetzungen, d.h. zur Gemeinschaftsgestaltung

 

6) Individualisierung der Bildung   

Die Ausbildung der genannten Grundfähigkeiten wird einen Menschen befähigen, mit die unterschiedlichsten im Verlauf seines Lebens an ihn herantretenden Herausforderungen souverän und angemessen umzugehen und ihm insofern eine umfassende soziale Selbstverwirklichung im Sinne einer „freien Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit“ ermöglichen. Demgegenüber müssten die konkreten Bildungsinhalte einzelner Sachgebiete bzw. konventioneller „Schulfächer“ vielfach in den Hintergrund treten. Selbstverständlich benötigt ein Mensch, der in unserer Gesellschaft bestehen will, hinreichende Kenntnisse in Deutsch, Englisch, Mathematik usw. Zunächst ist hierbei jedoch nur dasjenige Wissen und Können relevant, welches zur problemlosen Bewältigung des eigenen Alltags wirklich erforderlich ist. Die Ausbildung der genannten Grundfähigkeiten wird es einem Menschen jedoch ermöglichen, sich genau diejenigen konkreten Fähigkeiten selber anzueignen, welche er in einer bestimmten Lebenssituation oder Lebensphase wirklich braucht.

Damit wird der Erwerb konkreter Bildung zu großen Teilen ebenfalls zu einer individuellen, durch den einzelnen Menschen in eigener Initiative betriebenen Angelegenheit. Die individuellen Bildungsanstrengungen, die ein Mensch im Verlauf seines Lebens unternimmt, resultieren in einer individuellen Bildungsbiographie, welche das ergänzende Gegenstück zu seiner individuellen Arbeitsbiographie und damit einen ebenso wesentlichen Bestandteil seiner biographischen Gesamtentwicklung bildet: Eine zukunftsgerechte Bildung wird eine zunehmende Individualisierung menschlicher Bildungsbiographien zur Folge haben.

 

7) Vermittlung der Grundfähigkeiten

Wer den bisherigen Ausführungen zu folgen und zuzustimmen vermag, dem wird sich die Frage stellen, wie sich die dargestellten Grundfähigkeiten erwerben bzw. vermitteln lassen. Diese Frage bezieht sich

1)     auf die konkret zu vermittelnden Inhalte, d.h. auf diejenigen Teilfähigkeiten, aus denen sich die jeweilige Grundfähigkeit zusammensetzt,

2)     auf die Reihenfolge, in welcher die einzelnen Teilfähigkeiten zu vermitteln sind, d.h. auf den didaktischen Aufbau des jeweiligen Ausbildungsganges,

3)     auf die Methoden, durch welche sich die Fähigkeiten am effizientesten vermitteln lassen, sowie

4)     auf geeignete Ausbildungsformen und deren jeweils erforderliche Organisationsstruktur.

Eine Ausbildung, welche eine grundlegende Beherrschung aller angeführten Metafähigkeiten vermittelte, ließe sich als Grundausbildung der Fähigkeiten zur sozialen Selbstverwirklichung bezeichnen. Welche Möglichkeiten gibt es, eine derartige Grundausbildung organisatorisch zu realisieren? Prinzipiell sind hierzu drei unterschiedliche Wege denkbar, nämlich

1)     die Integration des entsprechenden Fähigkeitserwerbs in bereits bestehende Bildungsinstitutionen und deren Ausbildungsgänge,

2)     der Erwerb der Grundfähigkeiten in eigens hierfür organisierten, neuen Bildungsformen sowie

3)     der Fähigkeitserwerb durch die individuellen Bemühungen einzelner Menschen, d.h. durch deren Selbstorganisation der eigenen Bildung, was die Frage nach geeigneten Hilfestellungen aufwirft.